Ein Foto und seine Geschichte

In unserem Familienfundus finden sich zwei „Eisbärenfotos“, die ich solange für etwas Einmaliges gehalten habe, bis ich von Jochen Raiß und seinen „Polar Bears“ las.

Im vergangenen Jahr war in der Süddeutschen Zeitung von einem Hamburger die Rede, der historische Amateurfotos sammelt. Dabei kam ihm immer wieder dieses seltsame Motiv unter: Menschen, die mit „falschen Eisbären“ vor der Kamera posieren. Im Interview erzählt Jochen Raiß, dass er bereits zu Studienzeiten mit seiner Foto-Sammlung begonnen und dabei auch den ersten „Eisbären“ entdeckt habe. Es sei zwar nicht so richtig geklärt, welcher Fotograf und wann den ersten Assistenten in ein Fellkostüm gesteckt habe, um ihn als Komparsen zusammen mit Touristen abzulichten und die Fotografien zu verkaufen. Vor allem in deutschen Seebädern an der Ostsee seien Anfang der Zwanzigerjahre allerdings häufiger solche Aufnahmen zustande gekommen. Ein Eisbär am Strand ist doch etwas sehr Ungewöhnliches, erklärt Raiß. Auf die Frage, was ihn so an den Eisbären-Motiven interessiere, antwortete er: „Man muss doch schmunzeln. Oft wirken die Bilder mit den Eisbären wie ein Familienporträt, dadurch werden sie noch skurriler. Ich habe schon immer nach dem Ungewöhnlichen gesucht, alles was mit Menschen zu tun hat und unüblich ist, weckt meine Sammelleidenschaft. Zu den Bildern habe ich mir seit jeher Geschichten ausgedacht. Ich kenne die Menschen auf den Fotos nicht, ich weiß nichts über ihr Leben – so sind meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wenn ich neue Motive entdecke, geht bei mir sofort das Kopfkino los. Jedes Mal ein kleines Erlebnis.“ (Quelle: SZ vom 07.10.2019)
Raiß hat inzwischen mehr als 80 solcher Aufnahmen gesammelt. Er findet sie auf Flohmärkten und in Trödelläden und manche werden ihm auch zugesendet. Sein Fotobuch „Eisbären“ ist im Verlag Hatje Cantz erschienen.


Wie die beiden Aufnahmen entstanden sind, die meine Mutter samt Eisbären zeigen, ist natürlich aufgeklärt. Sie hat es mir erzählt:

„Ich war damals 21 Jahre jung und hatte als Einzige in meiner Familie einen Führerschein. Somit kutschierte ich jedes Wochenende meine Lieben in Vaters VW Käfer in meiner Heimat, dem schönen Schwarzwald, spazieren. An diesem Tag war ein sonntäglicher Ausflug mit meinen Eltern und meinem Bruder Bernd auf den Feldberg und anschließend an den Titisee angesagt. Es war schönes Wetter und die Reise ging über Villingen, Vöhrenbach und Neustadt auf den Feldberg. Wir machten einen großen Spaziergang, um uns dann am See bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen zu stärken. Mein Bruder und ich unternahmen eine kleine Bootsfahrt. An der Anlegestelle „lauerten“ dann ein Fotograf und ein „Eisbär“, um Touristen wie uns zu fotografieren. Der Eisbär blieb die ganze Zeit über stumm und der Fotograf hat uns die Aufnahme berechnet. Was es kostete, weiß ich nicht mehr genau. So entstand diese Fotoaufnahme, die bald 60 Jahre alt ist und die heute wohl eher ungewöhnlich scheint. Ich bin glücklich darüber, dieses Foto zu haben, da mein lieber Bruder Bernd schon lange Zeit nicht mehr lebt, und das eine schöne Erinnerung an einen gelungenen Ausflug ist. Und ich werde immer wieder an meine schöne Heimat und an meine glückliche Jugendzeit im Kreise meiner Familie erinnert. PS: Zwei oder drei Jahre später bin ich dann mit meinem künftigen Mann und einem jungen Praktikanten aus seiner Firma wieder an den Titisee gefahren, wo dann tatsächlich noch immer derselbe Fotograf und derselbe Eisbär auf uns warteten. Diesmal allerdings war die Aufnahme nicht mehr schwarz-weiß, sondern bereits farbig und ich trug ein knallrotes Kostüm und eine für die damalige Zeit moderne Hochsteckfrisur.“ (Text: Hannelore Pohl)

PS: Ich freue mich über jede interessante Geschichte samt Foto, die ich an dieser und anderer Stelle veröffentlichen darf. Kontakt bitte über heikepohl @ yahoo.de