Menschenskinder

Ich hab immer nur mit einem Ohr hingehört: Nach Syrien. Den Iran. Nach Afghanistan. Irak. Und ab und an hab ich mal was gespendet, um mein Gewissen zu beruhigen. Oder laut geseufzt, ein Ausdruck der schieren Hilflosigkeit. Klar ist die Welt scheiße, aber was soll ich da schon alleine gegen tun?
Und dann war da dieser Aufruf im Regionalblättchen: Die Gemeinde suchte Helferinnen und Helfer für „Flüchtlinge“ in der Region. Es folgten etliche Telefonate, dabei ging es um eine Frau aus Eritrea und um ihr kleines Kind. Und um meine innere Haltung, mich einerseits engagieren und mich andererseits am liebsten heraushalten zu wollen, ja, mich darum zu drücken, um es deutlich gesagt zu haben.

Für’s Erste hab ich es bei der Absicht, über das Thema einen Artikel zu schreiben, belassen. Und mich wieder auf das konzentriert, was am nächsten liegt: Mein eigenes Leben. Bis zu jenem Nachmittag im September 2015, als ich an meinem Arbeitsplatz saß, wie jetzt auch. Das Radio lief und in den Nachrichten wurde berichtet, auf der Autobahn A7 seien Menschen unterwegs in Richtung Dänemark. Flüchtlinge. Aus Afghanistan. Aus Syrien. Zu Fuß. Im Grunde vor meiner Haustür.
Ich hab rausgeschaut aus dem großen Fenster und sah sie da im Geiste den Feldweg längs laufen: Eine endlos scheinende Schlange gebeugter und sich unter der Last ihrer wenigen Habe krümmender Körper. Männer. Frauen. Kinder. Väter, die auf ihren Schultern ihre Kinder trugen. Mütter, an deren Händen Kleinkinder liefen.
Das Gefühl, das mich in diesem Moment heimgesucht hat, lässt sich schwer beschreiben: Es war etwas dabei von der Urangst vor dem Fremden, gleichzeitig Fassungslosigkeit über die unglaubliche Leistung der Menschen, es geschafft zu haben, von Kabul in Afghanistan nach Kiel in Schleswig-Holstein zu gelangen. Es sind 8.086 Kilometer zurückzulegen, wofür man – sofern der Verkehr mitspielt – allein 79 Stunden braucht, wenn man ein Auto benutzt. Und dann war da noch ein intensives Gefühl von Scham, Beklemmung und – ja – die plötzliche Gewissheit, dass sich von nun an etwas Maßgebliches ändern würde in meinem Leben. Denn mir war in diesem einen Augenblick klar: Von nun an gibt es keine Ausflüchte mehr! Und auch keine Chance, die Augen weiter zu verschließen.
Krieg und Vertreibung, Terror und Perspektivlosigkeit, Angst und Sorge um ihre Leben, hatten Tausende Menschen beflügelt, über sich hinauszuwachsen und sich aufzumachen, trotz aller Gefahr für Leib und Leben. Und jetzt waren sie hier. Mit alledem in ihrem Gepäck.

Es sollte dennoch eine kleine Weile dauern, bis ich die Ausländerbehörde in Itzehoe betrat.
Auf einem der Flure saßen vier Menschen, die mich anblickten. Erwartungsvoll. Neugierig. Aber auch bang und voller Sorge, was nun mit ihnen geschehen würde. Am 4. Dezember vor 5 Jahren wartete eine iranische Familie darauf, von mir abgeholt zu werden. Als „Ersthelferin“ sollte ich die Menschen bei ihren ersten eigenen Schritten im neuen Land unterstützen. Und das tat ich dann auch.

Auf Familie T. wartete eine kleine Wohnung, provisorisch eingerichtet von der Gemeinde. Wir gingen an diesem Nachmittag gemeinsam das Notwendige einkaufen, verständigten uns mit Händen und Füßen, ein paar Brocken Englisch und der Sprache, die für alle Menschen überall auf der Welt dieselbe ist: Wir lachten uns das Fremde, das Unangenehme, die Skepsis und das Unbehagen gemeinsam von der Seele.
Diese eine, diese erste Begegnung mit Menschen, die man sonst gern auch pauschal Flüchtlinge, Geflüchtete, Migranten oder Asylbewerber nennt, gab den Auftakt für so viele, die folgen sollten. Ich hatte sie an diesem Tag geöffnet: Die sprichwörtliche Tür, die den Weg freimacht für so viele andere Türen, die sich öffnen würden. Und noch am selben Tag schon brauchten Freunde „meiner“ iranischen Familie ebenfalls Hilfe und so erweiterte sich binnen relativ kurzer Zeit der Personenkreis fast Tag um Tag. Jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, der ebenfalls um Hilfe bat.
Man kannte sich aus dem großen Flüchtlingscamp in der nahen Kreisstadt, wo zeitweise über 1.000 Menschen in einer ehemaligen Papierfabrik Zuflucht gefunden hatten. Oder aus dem Aufnahmelager in Neumünster. Oder man hatte sich auf der Flucht kennengelernt. Oder war schon in der Heimat befreundet gewesen.
Es galt Formulare auszufüllen, Anträge aufzusetzen, Anwälte zu organisieren, Wohnungen zu besichtigen, Mietverträge auszuhandeln, Papiere zu legitimieren, Bewerbungen zu formulieren, Jobs zu suchen und zu finden, Kinder einzuschulen, Möbel und Einrichtung zu beschaffen, Kleidung zu besorgen – die Liste ist lang und sie endet bis heute nicht.
Es kann sich jeder vorstellen, was notwendig wird, wenn man alles aufgibt, alles verliert und bei null ein anderes Leben beginnt. Zu aller Bürokratie, die man aus dem eigenen Leben kennt, kommt die hinzu, als „Flüchtling“ behördliche Akzeptanz und Legitimation zu erlangen. Fremde davon zu überzeugen, dass man verfolgt wird, dass man gequält, gefoltert oder misshandelt wurde. Dass es Gründe gibt, die eine Rückkehr in das Heimatland unmöglich machen.
In manchen der Fälle, die sich in meinem „Gesichtskreis“ abspielen, hat es drei und mehr Jahre gedauert, bis entschieden wurde. Ein Damoklesschwert – unter dessen ständiger Bedrohung Menschen Mut fassen mussten und Enormes zu leisten hatten, immer mit dem Gefühl im Nacken: Sie wollen uns nicht. Oder gar der Angst vor Abschiebung ins Herkunftsland.

Ich habe Geflüchtete kennengelernt aus dem Iran, aus Afghanistan und Syrien. Was mit der zum Christentum konvertierten Familie aus Iran seinen Anfang nahm, brachte mir – brachte auch meinem Mann und meiner Familie – viele neue Gesichter, viele neue Leben und ihre Geschichten in unser eigenes. Familie T. aus dem Iran war konvertiert, ihre Freunde auch. Sie sprachen von Verfolgung, von ständiger Überwachung, von Restriktionen, Bedrohung und – ja – auch von der Todesstrafe in ihrem Land.
Und nach ihnen kam viele mehr. Das junge Paar aus Iran, das heute in Berlin studiert. Der junge Mann, den man an der deutsch-österreichischen Grenze verhaftet, im Schnellverfahren verurteilt und in einem Knast am Chiemsee eingesperrt hat, weil er – illegal, wie man es gerne erzählt – unser Land betreten hat. Oder O., ein junger Syrer, der heute zu meiner Familie gehört. Sein kleiner Bruder M., der Jahre später zu Fuß aus dem Krieg quer durch Europa und nach Holland floh. Der junge S., ein im Iran geborener Afghane, der Narben auf der Seele und in seinem Gesicht zu ertragen hat. Ein iranische Familie aus Dubai, die mit ihrem schwerbehinderten Kind aus jedem Raster fällt. Die alte Frau aus Iran, die vor Trauer und Angst und Martyrium nicht mehr aufrecht gehen kann. Das afghanische Ehepaar, das heute geschieden ist, nachdem der Vater seinen kleinen Jungen auf den Schultern quer durch Europa trug. A., ein junger Architekt aus Syrien, der 5 Jahre lang weder Frau noch Kind sehen durfte, weil ihnen die Deutsche Botschaft ein Visum verweigerte. Der junge Mann aus Afghanistan, der nicht mehr leben will, weil ihm alles so schwer und so sinnlos geworden ist. Oder A., die als Witwe mit ihren kleinen Kindern in Griechenland von unseren „Almosen“ lebt und am Grab ihres Mannes in Athen die Welt nicht mehr begreift. Oder Menschen wie mein Freund Nael, zusammengeschossen von Assad-Soldaten im Syrienkrieg, oder Azadeh und Saeid und ihre Kinder, die uns zu guten Freunden geworden sind.
Die „Liste“ ist lang und sie wird – vermutlich – auch nie zu Ende sein. Denn auch heute und nach über 5 Jahren kennt noch immer jemand jemanden, der in dieser oder jener Sache dringend Hilfe braucht. Seit über 5 Jahren schenken mir Menschen ihr Vertrauen, gewähren sie mir ein Einblick in ihr Leben, in ihre Herzen, in ihre Seelen. In all dieser Zeit ist meine eigene Welt sehr viel größer geworden.
Ich habe immer einen Blick auf die Türkei und auf Griechenland, wo Tausende gestrandet sind zwischen allen Welten. Wo sie mehr gelitten als willkommen sind. Wo sie keine Chance erhalten auf einen Aufenthaltstitel, auf eine mögliche Staatsbürgerschaft oder den Neustart, den sie sich so sehr wünschen. In der Türkei werden sie als billige Arbeitskräfte missbraucht, sie haben kaum Rechte und die Stimmung ihnen gegenüber wird immer schlechter. In Griechenland werden sie nach wie vor in Elendslager gepfercht, weitgehend abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Und wer es dort raus schaffen kann, bleibt sich selbst überlassen im Kampf um einen Schlafplatz und ein Stückchen Brot.

Ich schaue auf die Grenze zwischen Polen und Belarus und sehe Menschen irgendwo im Nirgendwo überleben und sterben auch. Geredet wird darüber viel, geholfen so gut wie nicht.

Ich folge auf Facebook Geflüchteten, die täglich live aus der Flüchtlingshölle berichten, gestrandet in Frankreich, in England oder sonst irgendwo, wo sie ihren Alltag damit bestreiten, nicht erwischt zu werden, nicht zu verhungern und nicht zu erfrieren. Rechtssicherheit – Fehlanzeige. Ebenso wie Schutz und Obhut eines Staates.

Ich schaue nach Syrien, wo Familienangehörige meiner neuen Freunde und Bekannten noch immer im Krieg ausharren und auf die Unterstützung und Solidarität ihrer geflohenen Landsleute setzen, weil der Rest dieser Welt sie im Stich gelassen hat.

Ich blicke nach Afghanistan, das man sich in Berlin bis zuletzt „sicher“ geredet hat und wo im Augenblick kleine Kinder vor Hunger sterben.

Kaum ein Tag vergeht, an dem mir das Leben nicht versichert, mit Glück gepriesen zu sein, weil ich hier und in Deutschland geboren bin. Kaum ein Tag vergeht ohne eine neue Sorge, ohne ein neues Problem ohne einen neuen Namen, ein neues Gesicht, ohne eine Begegnung mit einem Menschen, der sein Leben meistern will. Oder auch einfach nur bewahren.
Meine Welt ist auch sehr viel größer geworden, weil darin Menschen in anderen Sprachen reden, denken und träumen. Weil sie andere Lieder singen, über andere Dinge lachen, anderes essen und trinken, weil sie vieles aus ihrer alten Welt in ihre neue hier bei uns bringen. Ich erlebe ausgesuchte Höflichkeit, ich erlebe Respekt und Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Großzügigkeit, den leidenschaftlichen Wunsch nach Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit, ich erlebe aber auch tiefste Trauer, Sehnsucht, Angst und ja, machmal auch Mutlosigkeit, Verzagen, Erschöpfung und seelische Müdigkeit. In ihrem Tun spiegeln diese Menschen auch uns. Sie zeigen uns auf, wer wir sind und wer wir sein könnten. Sie spiegeln unseren Überfluss, unsere Selbstverständlichkeit, in einem demokratischen Land und in Frieden zu leben. Sie decken uns auf, ohne das zu wollen, und machen uns deutlich, wo unsere Schwächen und unsere Stärken liegen. Sie arrangieren sich mit uns, wie wir uns mit ihnen. Und sie sind zu einem Teil unserer Gesellschaft geworden.

Mit „meiner“ Familie von vor 5 Jahren habe ich keinen Kontakt mehr. Helfende und Hilfesuchende – das kann auch eine Beziehung von vorübergehender Dauer sein. Wer hilft und daran Erwartungen knüpft oder gar Forderungen, der hat das Wesen von Hilfe falsch verstanden und tut sich und anderen keinen Gefallen. Aber ich weiß, dass sie es geschafft haben. Wie alle nahezu alle anderen auch, die ich kenne. Sie haben Sprachkurse und Führerscheine bestanden. Schulen abgeschlossen. Ausbildungen absolviert. Berufe ergriffen, sich in Jobs etabliert. Wohnungen gefunden, sind umgezogen, haben Freunde gefunden, Ehen geschlossen, Kinder bekommen – kurz: Sie sind angekommen in diesem Land und in „unserer Welt“. All das habe ich jedes Mal vor Augen, wenn ich wieder irgendwo was von „Flüchtlingen“ lese und davon, was sie sind und was nicht. Denn es gibt nur eine Antwort auf diese Frage: Sie sind Menschen. Wie du. Und wie ich. Mit Lebensgeschichten, um die niemand sie beneiden muss. Und sie lesen mit – wenn wir über sie befinden, über sie richten und uns einbilden, wir seien mehr wert, als sie.

Die kleinen Spatzen auf dem Foto kamen aus Griechenland zu mir, wo Lida und Shukran auf eine Zukunft hoffen. Das Künstlerpaar lebte in Moria, bis das große Feuer ihnen ihre Kunst und fast auch ihre letzte Hoffnung nahm. Mit ihrem Zelt verbrannten unzählige ihrer Bilder, die sie dort unter unglaublichen Bedingungen geschaffen hatten. Die kleinen Piepmätze, die es von Griechenland nach Norddeutschland geschafft haben, stehen für ein ganzes initiatives Netzwerk an Menschen, dessen Teil ich sein darf und wofür ich dankbar glücklich dankbar bin.

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