Löwenstark – mein Filmhighlight

Vor mehr als 16 Jahren habe ich meinen Umzug von Berlin hinaus auf’s platte Land zum Anlass genommen, mein TV-Gerät zu verschenken. Und das bislang keinen Tag bereut.

Anfangs habe ich frei gewordene Zeit genutzt, um mehr zu lesen, mich im Zeichnen zu üben und – natürlich – mehr zu schreiben. Irgendwann dann, als es die Internetverbindung in der ländlichen „Diaspora“ zuließ, hab ich in den Mediatheken oder bei Youtube ab und an gezielt Sendungen und Filme geschaut. Und regelmässig zu Silvester haben mein Mann und ich uns Videos und später dann mal die eine oder andere DVD geliehen oder gekauft.

Er und ich haben eine so sehr unterschiedliche Auffassung davon, welche Filme und vor allem auch wie man sie schaut, dass der 31. DezemberSilvesterabend – tatsächlich der einzige Tag im Jahr ist, an dem wir gemeinsam auf einen Bildschirm blicken. (Ausgenommen den Jahresabschluss für die Einkommensteuer oder das eine oder andere Katzenvideo.)

Ich schaue Filme und Sendungen generell von Anfang bis Ende – wenn sie mir gefallen. Das entscheidet sich nach den ersten maximal 5 Minuten. Mag ich sie nicht, schalte ich aus bzw. suche weiter.
Mein Mann „spult“ sich hingegen egal in welchem Genre von Actionszene zu Actionszene im Schnelldurchlauf durch’s Programm, übrigens auch bei Liebesfilmen, wo er dann auch schnell weiterspult, wenn’s mal eben „heimelig“ wird, was letztlich bedeutet, dass wir mit 2 Filmstunden Romantik in 5 Minuten durch sind. (Die kriegt den eh / der kriegt die sowieso – das erzählt er mir immer schon dann, wenn der Vorspann läuft.) Tatsächlich richtig wohl fühlt er sich erst, wenn im Film die Handlung gen null tendiert, die Kulisse brennt, die Fetzen fliegen und das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt von Nationen wie Tuvalu, Kiribati oder den Marshallinseln am Set verballert wird, also bei Äktschn-Filmen der Blockbusterindustrie.
Außerdem schaut S. dann noch bevorzugt Dokumentarfilme, in denen man zum Beispiel lernt, wie man (stundenlang) kontemplativ Messer schärft, Fleisch über viele Tage hinweg auf geweihtem Buchenholz räuchert und gleichzeitig gart, Echtholzflächen leidenschaftlich ölt, oder in denen anschaulich gezeigt wird, wie man vor 325 Jahren Filme in schwarz/weiß entwickelt hat und wie man das heut „nachbauen“ kann, oder wie man Karosserien rostfest macht, über Jahre hinweg an Booten baut. Oder er begeistert sich für Videoaufzeichnungen von Überwachungskameras russischer Straßen (meist liegt fett Schnee), auf denen reihenweise Fahrzeuge miteinander kollidieren, Ersatzteile auf Windschutzscheiben krachen oder Schiffe havarieren oder gern auch Dokus, die anhand geologischer Strukturen im Paläzoikum, Mesozoikum oder sonstwann vor unserer Zeit Rückschlüsse auf Land und Leute zulassen. (Ich weiß inzwischen mehr über die Nordseeküste von vor 10 000 Jahren als, ich je live von ihr gesehen hab.)


Wohingegen ich zwischen Reality-Dokus über verurteilte Mörder:innen (gern auch Massenmörder:innen), die in US-Gefängnissen im Todestrakt sitzen, düstere Gesellschaftsbilder wie „Mississippi Burning“, die mich stinksauer und hilflos zurücklassen, Dystopien, die allerdings zwischenzeitlich von der Realität überrannt werden (ich meine, wen schaudert es noch vor den Hunger Games aus „Die Tribute von Panem“, wenn er an die europäischen Außengrenzen schaut?), oder wer ist nach 4 Jahren Drecksack-Trump und dem Sturm aufs Capitol noch zu schocken mit Filmen wie aktuell „Don’t look up“? (Manchmal schau ich auch was bis zum bitteren Ende, um mich dann über mich selbst aufzuregen, warum ich es bis zum bitteren Ende angesehen hab. So zum Beispiel „A Handmaid’s Tale“. (Schlimmer als jeder Psychoscheiß, weil die in ihrem Elend einfach nicht zum Ende kommen wollten.)
An emotional besonders beanspruchenden Tagen schaue ich zur Entspannung gerne ideenstarke, opulente Filme wie „Phantastische Tierwesen“, – natürlich – „Herr der Ringe“ (gerne auch zum 73sten Mal) oder gut gemachte Kinderbuchverfilmungen und dann auch schonmal gern ein gut gemachtes Märchen. Außerdem seh ich gern alles, worin es – jenseits von Tötungsdelikten – um menschliche Abgründe geht, also beispielsweise (auch) „American Real Housewives“ (das würd ich allerdings öffentlich niemals zugeben). Oder Skurriles aus Österreich – Hauptsache Georg Friedrich oder Murathan Muslu oder Simon Schwarz oder Sebastian Kurz (Scherz) oder die „Vorstadtweiber“ Adina Vetter, Martina Ebm, Maria Köstlinger, Gerti Drassl und Nina Proll spielen mit.
Und ich liebe Filme mit Johnny Depp, Christoph Waltz, Christian Bale oder Matthew McConaughey oder solche mit Johnny Depp, Christoph Waltz, Matthew McConaughey und Christian Bale. Und Filme mit Cate Blanchett, Tilda Swinton, Jodie Foster, Michelle Pfeiffer oder Jennifer Lawrence und solche OHNE Kate Winslet, Nicole Kidman oder Natalie Portman; aufseiten der männlichen Darsteller kann ich gern auf Tom Cruise, Will Smith oder Ben Affleck verzichten.

Diese so sehr unterschiedlichen Vorlieben münden dann in der Silvesternacht in bisweilen auf skurrile Weise die Stimmung beeinflussenden gemeinsamen Filmentscheidungen:
Nie waren wir deprimierter und das zur selben Zeit als nach „Black Hawk Down“ oder einer Doku über japanische Kriegsverbrechen an chinesischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg.
Nie waren wir (zeitgleich) müder als nach dem DVD-Marathon mit „Jordskott – die Rache des Waldes“, wir gaben dann auf nach Teil 12 und wissen bis heute nicht, wer der Mörder war? (hurz)
Nie waren wir gemeinsam so melancholisch-heiter wie nach „Adams Äpfel“ oder „Ein Mann namens Ove“, nie irritierter als nach „Shutter Island“ und nie haben wir mehr über Mord und Totschlag gelacht als bei „Inglourious Basterds“, „Django Unchained“ und „No Country for old Men“.

Auf der Suche also nach dem – DEM – gemeinsamen Film für den morgigen Silvesterabend ist mir leider ein großes Malheur passiert. Ich habe gestern erst 2 Minuten, dann 5 und dann eine Stunde und 59 Minuten zu lang in „Lion – Der lange Weg nachhause“ reingeschaut. Regie führt Garth Davis, gespielt wird die Hauptfigur (erst als Junge) von Sunny Pawar (ein Hammer) und später dann als erwachsener Mensch von Dev Patel (wow). Erzählt wird die wahre Lebensgeschichte von Saroo Brierley, einem in Indien geboren, dort verloren gegangenen, nach Australien/Tasmanien adoptierten und 20 Jahre später wieder nachhause zurückgekehrten Jungen. Und das auf so eindrückliche, berührende, bewegende, das Herz ergreifende, brillant gespielte Weise, dass ich es vermutlich zum ersten Mal geschafft hätte, den Mann und mich gemeinsam zum Heulen zu bringen. (Mein Film des Jahres. Ach was – einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe.)

Tja. Unnu?
Bin ich auf eure Film-Tipps angewiesen für Silvester 2021.

ps.: Zum ersten und bislang einzigen Mal gemeinsam im Kino waren wir übrigens in Hamburg vor vielen Jahren. Da hatten wir uns gerade kennengelernt und mein Mann lud mich „ins Kino“ ein. Mit der von den Pet Shop Boys zum Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ komponierten und von den Dresdner Philharmonikern open air inszenierten Musik saßen wir auf der grünen Wiese und hatten uns furchtbar lieb. (Falls noch wer Fragen haben sollte.)

Foto: Screenshot aus „Lion – Der lange Weg nachhause“