Begrabt mein Herz in Dresden

Vom richtigen Leben im falschen – die Geschichte von Edward Two-Two

(Diesen Text habe ich vor zwei Jahren für ein Magazin geschrieben. Die Geschichte des Lakota-Sioux Edward Two-Two hat mich sehr bewegt. Ihm ist der Beitrag – auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Karl May und seinen Winnetou gewidmet.)

Durch karstiges Gebirge, das – wie man heute weiß – nicht in den USA sondern im ehemals jugoslawischen Kroatien als Film-Kulisse für das Karl-May-Epos diente, ritten einst Seite an Seite der edle „Wilde“ Winnetou und sein nicht minder charakterstarker Blutsbruder Old Shatterhand. Auch über die Film-Kulisse hinaus dürfte reichlich wenig authentisch gewesen sein in den Filmen, die für lange Zeit und sehr nachhaltig das Bild von den Indianern geprägt haben, das wir Deutschen hatten.

In getragenen Worten und stets in der dritten Person über sich selbst redend, schwadronierte sich der Häuptling der Apachen von einem Klischee zum nächsten, als gelte es, den Gegner in Grund und Boden zu reden und nicht zu reiten. Tempo und Musik, Mimik und Gestik und insbesondere auch die immer salbungsvoll gehaltenen Dialoge der „Guten“ in diesem Western sorgten für mehr Pathos, als dies jeder kaiserliche Sissi-Film ein paar Jahre zuvor je zustande gebracht hatte. Und auch hier weiß man inzwischen, wie groß die Kluft ist zwischen Realität und filmischer Umsetzung.
Pferde, deren Zäumung, Sattelzeug, die Kleidung von „Indianern“ und „Weißen“ – nahezu jede verwendete Requisite bediente Klischees und jeder leibliche „Indianer“ hätte sich vermutlich totgelacht über die Dialoge und Stereotype, mit denen eine ganze Nation von ihren Sofa-Garnituren entführt und hineingetragen wurde in die aufregende Welt des „Wilden Westen“, in der die Rollen von Gut und Böse klar verteilt waren und dabei munter und von allen Seiten geballert und gemordet wurde.

Im zweiten Teil der Trilogie „Satan und Ischariot II“, dem 1897 erschienen Band 21 aus Karl Mays „Gesammelten Reiseerzählungen“, besucht die Romanfigur Winnetou ihren Freund Old Shatterhand in Dresden. Beider Schöpfer dürfte zu diesem Zeitpunkt kaum geahnt haben, dass Jahre später genau dort ein wahrhaftiger „Häuptling der Indianer“ seine letzte Ruhestätte finden würde und dass dieser Mann seine Popularität unter anderem auch ihm – Karl May und seinen Indianer-Erzählungen – zu verdanken hatte.

Währenddessen die Romanfigur Winnetou lt. Karl May als Allegorie angelegt war, setzte ein wahrer, ein leibhaftiger, ein echter Indianer und noch dazu ein Häuptling seinen Fuß auf deutschen Boden. Sein Name: Edward Two-Two.
Und auch wenn der eine frei erfunden und der andere ganz real gewesen ist, so eint sie doch ein ähnliches Schicksal, denn beide bedienen Klischees, wecken und erfüllen Phantasien und Vorstellungswelt ihres Publikums in seiner Neugier und Lust auf Exotik.

Beide hatten in ihrem öffentlichen Auftreten, in der jeweiligen „Show“, deren Protagonisten sie waren, reichlich wenig mit den realen „Indianern“ gemein, denen die Siedler und Eroberer in Nordamerika einst bei ihrer Ankunft in der neuen Welt begegnet waren. Und noch viel weniger mit dem, was die neuen Herren im Land von den ehemals frei und ungebunden lebenden Menschen nach der Eroberung Nordamerikas übrig gelassen hatten:
In Reservate und zur Sesshaftigkeit gezwungene Menschen, denen man ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Rituale, ihre Identitäten, ihr Land, ihre Freiheit und ihr Selbstbestimmungsrecht genommen hatte.

Winnetou, erfunden, um ein Held zu werden, und Edward Two-Two, rekrutiert, um das Klischee vom „edlen Wilden“ nach Europa zu tragen – beide waren sie wenig sie selbst und mehr Projektionsfläche für das, was andere in ihnen sehen wollten.

Ein schmales Grab, ein schlichter Stein, ein kleine amerikanische Flagge, immer auch wieder geschmückt mit indianischen Insignien – so liegt sie da auf dem „Neuen katholischen Friedhof zu Dresden“, die letzte Ruhestätte von Edward Two-Two, einem Angehörigen vom Stamm der Lakota-Sioux, den die Scouts der großen Völkerschauen von Hagenbeck aus Hamburg dort rekrutierten, wohin ihn und die seinen die amerikanische Regierung gezwungen hatte: Im Pine-Ridge-Reservat in South Dakota.

Two-Two wurde 1851 geboren und gehörte zum Stamm der Lakota-Sioux, die ursprünglich gemeinsam mit den anderen Sioux-Stämmen westlich der Großen Seen im Norden der USA lebten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten die Sioux in großen kreisförmigen Lagern aus Tipis, Zelten, die mit den Häuten von Bisons bespannt waren. Die Sioux waren Nomaden, ihr Hab und Gut transportierten sie mit ihren Pferden und ihr Leben war untrennbar mit dem der riesigen Bisonherden verbunden. Fleisch, Innereien und Knochenmark der Tiere dienten der Ernährung, aus der Haut stellten die Sioux Kleidung, Schuhwerk und die Häute für ihre Tipis her. Die reißfesten, stabilen Sehnen dienten als Nähmaterial und zur Bespannung ihrer Bögen und sogar der Mist, den die riesigen Herden hinterließen, wurde verwendet: Mit ihm heizte man das Lagerfeuer an.

Sozialpsychologische Gutachten kamen zu dem Resultat, dass die Lakota-Sioux eine „nicht destruktive, nicht aggressive Gesellschaft bildeten, deren Kultur durch Gemeinschaftssinn, ausgeprägte Individualität, eine zielgerichtete Kindererziehung und reglementierte Umgangsformen“ gekennzeichnet waren.
Oder – um es verkürzt zusammenzufassen: Die sog. „Wilden“ waren nicht schlechter als die, die ihnen ihr Land und ihre Freiheit nahmen und sich eines Narratives bedienten, mit dem die Lakota kaum etwas zu tun hatten. Diese haben sich lediglich gewehrt dagegen, beraubt und verdrängt zu werden.
1805 schlossen die Lakota ihren ersten Vertrag mit der US-Regierung ab, doch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts drängten immer mehr Menschen in ihr Land und es kam zu Konflikten, die auf beiden Seiten tausende Menschenleben kosteten und schließlich andauern sollten bis zum für die Geschichte der USA wenig rühmlichen Massaker in der Nähe von Wounded Knee.

Am 29. Dezember 1890 tötete die US-Army dort über 300 Männer der Lakota-Sioux, die sich bereits ergeben hatten und entwaffnet worden waren, und begruben damit jegliche Hoffnung des Stammes auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Würde.

Zu diesem Zeitpunkt war Two-Two, der seinen Namen Edward katholischen Missionaren zu verdanken hatte, ein Mann von 39 Jahren. Ihm und den anderen Mitgliedern seines Stammes waren sechs Reservate zugeteilt, die lediglich einen Bruchteil der Größe ihres einstigen Territoriums darstellten. Unter fürchterlichen Lebensbedingungen, die Lebenserwartung lag bei gerade einmal 44 Jahren, wurden die Lakota in ein Leben gezwungen, gegen das sie sich jahrzehntelang und letztlich vergeblich zur Wehr gesetzt hatten.
Alkohol und Drogen, eine dreimal so hohe Kindersterblichkeit wie im Durchschnitt der restlichen USA, hohe Selbstmordraten unter Jugendlichen und eine mehr als bescheidene Gesundheitsvorsorge – das in etwa waren die Lebensumstände, die Edward Two-Two die Entscheidung leicht gemacht haben dürften, ein paar Jahre später, er diente inzwischen in der Reservatspolizei, einem verlockenden Ruf aus Europa zu folgen.

Im Jahr 1910 rekrutierten Abgesandte des Hamburger Zoos Hagenbeck ihn und viele andere Indianer, um im Rahmen der sog. Völkerschauen den „Wilden Westen“ in deutsche Städte und Wohnstuben zu tragen.

In ihrer 2012 ausgestrahlten Dokumentation „Begrabt mein Herz in Dresden“ begibt sich die Filmemacherin Bettina Renner auf Spurensuche und dorthin, wo noch immer Familienangehörige von Edward Two-Two leben. Der Film porträtiert Lakota-Sioux, wie sie heute in den ihnen von den weißen Eroberern zugedachten Reservaten leben, von wo aus Edward Two-Two über 100 Jahre zuvor aufgebrochen war in sein neues Leben. Er sei, sagt seine Enkeltochter Mary in einem Interview, kein Häuptling im Stil der Westernfilm-Romantik gewesen, eher das respektierte und anerkannte Oberhaupt seiner Großfamilie.
Denn erst Hagenbeck und später dann der Zircus Sarrasani hatten ihm eine andere, hatten ihm die Rolle seines Lebens zugedacht: Sie machten Two-Two zum Häuptling, zum „Herrscher über die Krieger der Prärie“ – zur Sensation in der Manege.

Völkerschauen – von der Arktis bis Feuerland
„Was zuerst wie ein artiges Spiel und eine angenehme Abwechslung erschien, erwies sich als ein großes Glück. Der Tierhandel, weit davon entfernt, lukrativ zu sein, brachte in jenem Jahre große Verluste, und die Völkerschauen waren es nun, durch welche das Manko gedeckt wurde“, berichtet Carl Hagenbeck in seinem Werk „Von Tieren und Menschen“ über seine Gründe, Menschen aus der ganzen Welt „einzusammeln“ und sie dem deutschen Publikum zu präsentieren, sie auszustellen und vorzuführen.
Eine von Hagenbeck an anderer Stelle beschriebene Szene bringt die ganze Absurdität seiner Unternehmung, Menschen ihrer Kultur zu entreißen und sie zur Schau zu stellen, deutlich zum Ausdruck:
„Plötzlich schlug aus der Ferne der dumpfe Laut von Pferdegetrappel an sein Ohr. Im nächsten Augenblick tauchte aus der Dämmerung eine Schar wildaussehender Indianer auf und sprengte mit gellenden Rufen auf den Verirrten zu. Das Pferd, die Büchse, die er trug, und die blanken Knöpfe seiner Schiffsuniform genügten, um in ähnlichen Fällen die Begehrlichkeit der vor einem Totschlag nicht zurückschreckenden Indianer zu reizen. Der Deutsche (Anm.: Ein junger Offizier eines deutschen Kriegsschiffes) packte sein Gewehr und beschloß, sein Leben so teuer als möglich zu verkaufen – als sich etwas ganz Seltsames und schier Unglaubliches ereignete. Auf einen Schrei des heransprengenden Häuptlings zügelte die ganze Schar ihre struppigen Gäule. Der Häuptling ritt allein an den Fremden heran, starrte ihn an und rief mit freudig bewegter Stimme: »Du Capitano Vapore Hagenbeck?« – Dem Deutschen tönte dieses Wort wie eine Erlösung, war er doch ein geborener Altonaer, und blitzschnell kam ihm der Gedanke, daß der Indianer wohl zu einer der Völkerschauen gehört haben mochte, die er so häufig in meinem Tierpark gesehen hatte. Schnell faßte er sich und rief hocherfreut: »Ja, Hagenbeck Amburgo Capitano!« […] Das Geheimnis, welches dieser kleinen Episode zugrunde liegt, wird der Leser schon erraten haben. Der patagonische Häuptling hatte sich wirklich einst in einer meiner Völkerschauen befunden. Kapitän Schwers hatte ihn nebst Frau und einem zwölfjährigen Sohn auf einem Kosmosdampfer nach Hamburg gebracht. Die kleine Familie war aber nur wenige Wochen in meinem Tierpark, wo sie ihre Spiele mit Lasso und Bola dem Publikum vorführten. In Dresden, wohin ich die Indianer auf einige Wochen gesandt hatte, bekam Pitjotsche Heimweh und flehte mich an, ihn zu seiner Pampa zurückzusenden. Ich kam seiner Bitte nach und sandte ihn mit dem nächsten Kosmosdampfer nach Punta Arenas zurück.“

Über Edward Two-Two und seine Liebe zu Deutschland heißt es in Bettina Renners Film: „Sie behandelten ihn, wie einen Menschen. Er entkam der Trostlosigkeit des Reservats und blühte in seiner Rolle als großer Häuptling der Lakota-Sioux geradezu auf.“
Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen ihn im März 1913 in stolzer Haltung auf einem weißen Pferd, geschmückt mit Federn und indianischer „Tracht“ inmitten einer riesigen Parade durch die Straßen Dresdens ziehen, links und rechts bejubelt vom deutschen Publikum, das zu dieser Zeit ganz Karl-May und den Legenden rund um den Wilden Westen verfallen war. Die Kinder hatten schulfrei und alle befanden sich im Winnetou-Fieber.

Ein Jahr zuvor erst war Karl May im benachbarten Radebeul verstorben. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Two-Two zum Ensemble des Zirkus Sarrasani. Sarrasani hatte ihn für seine Wildwestshows verpflichtet und zum Häuptling „gekrönt“ und tourte mit ihm durch Deutschland.
Immer wieder kehrte Edward Two-Two in seine Heimat, in die Staaten zurück, und immer wieder auch verlängerte er seine Verträge. In ihnen war festgelegt, dass Indianer auf und abseits der Bühne sich selbst zu spielen und in Tipis zu wohnen hatten. Die Schau war eine Sensation. „Nach seiner Rückkehr wollte er deshalb schnellstens wieder nach Deutschland“, resümiert Bettina Renner. Die Chance hierzu ergab sich, als der Dresdner Zirkus Sarrasani nach dem Vorbild des Amerikaners William Frederick Cody, genannt Buffalo Bill, Wild-West-Shows ins Programm nahm – rasante Aufführungen und eine Art Vorläufer der späteren Westernfilme.

Als Two-Two 1914 ein drittes Mal in Deutschland ist, wieder bei Sarrasani, erkrankt er schwer und verstirbt Ende Juli während der Tournee in Essen.

Die Todesanzeige in den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ erscheint am gleichen Tag wie der Aufruf zur Mobilmachung. Seine Frau Helena und seine Tochter fliehen nach England und von dort in die USA. Tote Indianer müssen laut Vertrag der Showveranstalter ebenfalls nach Amerika überführt werden, doch der Zinksarg mit Two-Twos Leichnam wird drei Tage später mit der Eisenbahn nach Dresden überstellt und dort beigesetzt.

„Begrabt mein Herz in Dresden“, so lautete Two-Twos letzter Wille, an dem Ort seine letzte Ruhe finden zu können, an dem er die für ihn vermutlich schönste Zeit seines Lebens verbracht hatte und den er mit angenehmsten Erinnerungen in Verbindung gebracht haben dürfte. Hagenbeck und Sarrasani hatten ihn aus seiner Heimat weggelockt. „Für Edward Two-Two war das trotz aller Inszenierung fernab seiner Heimat die Chance, der zu sein, der er war: ein Lakota-Sioux“, hält Bettina Renner fest.
In Dresden begraben zu werden, war Edward Two-Twos ausdrücklicher Wunsch, obwohl die Lakota eine sehr enge Bindung zum Land ihrer Vorfahren haben. Im National-Archiv in Washington D.C. fand Renner das Original-Dokument mit seinem letzten Willen, beglaubigt von Frau und Tochter gegenüber einem amerikanischen Konsul in Essen.

Der Grabstein wurde erst 1926 aufgestellt, vermutlich von Sarrasani, der von jenem Jahr an mit Verweis auf die Ruhestätte des berühmten „Häuptlings“ für eine Neuauflage seiner Indianershows warb. Seine Show lief noch bis 1937 und anfangs nahmen die Witwe und die Tochter Two-Twos daran teil.
Später geriet das Grab allerdings in Vergessenheit. Im Jahr 2000 übernahm seine Pflege der Dresdner Hartmut Rietschel und bewahrte es so vor der Einebnung – ebenso ein weiteres Grab in Emden, wo ein weiterer „Sarrasani-Indianer“, der 1932 starb, begraben liegt.

Die Inschrift auf Two-Twos Grab, das bis heute existiert und in von einem Indianistik-Club in Ehren gehalten wird, lautet:

„Zum Paradies mögen Engel dich geleiten.“

Bild: Edward Two-Two, Filmverband Sachsen

ps.: Ich habe bewusst den alten und längst korrigierten Begriff des „Indianers“ verwendet, um den geschichtlichen Zusammenhang darzustellen und es meinen Lesern zu überlassen, eigene Rückschlüsse zu ziehen. Korrekt müsste es heißen: Indigenas, Native Americans oder First Nations.