Mundraub

Ich liebe Kirschen. Also genau genommen liebe ich es, Kirschen zu stibitzen. Es gab nichts Verführerischeres, nichts Aufregenderes und nichts Spannenderes, als über die Streuobstwiesen meiner schwäbischen Heimat zu pirschen und nach den Zweigen zu springen, die am höchsten hingen oder eigentlich unerreichbar waren, oder sie per Räuberleiter zu erklimmen.

An jedem Baum schmeckten die Früchte anders. Und bei jeder geklauten Handvoll aß die Furcht mit, der Bauer würde uns erwischen und sein Donnerwetter über uns ergehen lassen.
Eigentlich waren die unscheinbaren, blassgelb und nur leicht rötlichen Kirschen die leckersten. Sie hatten bislang unerreichtes Kirscharoma und eine leicht bitter-saure Süße. Aber sie kamen trotzdem nicht an gegen die riesigen, prallen und dunkelroten Süßkirschen, deren Saft durch die Zahnlücken spritze und von den Fingern auf T-Shirts und Hosenbeine wanderte.

Irgendwann war ich zu alt für Mundraub bzw. vielmehr dafür, dass man ihn mir durchgehen ließ. Nicht eine einzige gekaufte Kirsche kam aber je dem Geschmack der stibitzten nach. Weder die süßen Kirschen vom Rand der Schwäbischen Alb, aus Beuren, Neuffen und Umgebung, noch die aus dem Brandenburgischen noch die aus dem Alten Land bei Hamburg. Stattdessen erinnere ich mich an einen Kirschbaum, der bei Freunden meiner Eltern im Garten stand. Der wurde verteidigt gegen Stare und Amseln und freigegeben für das jährliche Sommerfest, wenn auch wir Kinder zu Gast sein durften.
Fest vorgenommen habe ich mir das damals nicht, aber der Gedanke, irgendwann einmal einen eigenen großen Baum, ja sogar einen eigenen Garten zu haben, der gefiel mir schon damals sehr gut.

Inzwischen sind 40 Jahre vergangen. Und mein Baum – unser Baum – trägt zum ersten Mal so richtig Früchte. Er steht im Zentrum unseres Gartens und auch als Metapher.
Für meinen Kindertraum, der wahr geworden ist.

Damit der Kirschbaum nicht allein stehen muss, hab ich in den letzten 10 Jahren ein bisschen Garten um ihm ihn herum angelegt. Und der trägt im Juni Rosenflor.

Ich lade auf einen kleinen Spaziergang ein.
Nur die Kirschen, die sind noch nicht ganz reif!

 

 

Der Leopard im Staudengarten

In der Millionenmetropole Mumbai in Indien leben etliche Leoparden mitten unter Menschen.
Die Tiere beanspruchen den Sanjay Gandhi Nationalpark ebenso für sich, wie die etwa 250.000 Inder, die dort leben.
Laut Zeitungsberichten haben es Mensch und Tier geschafft, sich (halbwegs) miteinander zu arrangieren.
Wer sich nachts auf die Straßen begibt, macht mächtig Lärm, um mögliche Angreifer zu verscheuchen. Die Menschen sind angehalten, die Straßen müllfrei zu halten, um die Tiere nicht anzulocken, und Gassen und Wege nicht als Toiletten zu benutzen.
Die indische Großstadt gilt als Musterbeispiel für die Art Naturschutz, die die Bedürfnisse wilder Tiere mit denen der Menschen vereinbart.

„Es wäre übertrieben zu behaupten, dass die Einwohner von Mumbai heute vollkommen harmonisch mit den Leoparden zusammenleben“, betont die Journalistin Laura Höflinger in ihrem Spiegel-Artikel (02/2018) „Nachts wenn die Leoparden kommen“. Aber die Zahl der Opfer habe sich enorm reduziert. Und von wenigen (tödlichen) Angriffen abgesehen, seien es schlimmstenfalls streunende Hunde, die zur Beute werden.

Daran muss ich denken, als ich vor dem reichlich trostlosen Wolfsgehege in einem norddeutschen Wildpark stehe und den Tieren dabei zusehe, wie sie mich beobachten, mich mustern und die ausgetretenen Pfade den Zaun entlang im Trab ablaufen.
Bislang ist in Deutschland kein Mensch durch die Attacke eine Wolfes zu Schaden gekommen und doch hat die Diskussion um den Vormarsch der Tiere bisweilen hysterische Formen angenommen. Ich schaue mir die Wölfe also an, sehe ihr genetisches Erbe, erkenne in ihnen den Ursprung unserer Haushunde und verstehe kaum, warum selbst eingefleischte Hundefreunde übereifrig Abschüsse fordern, obwohl es sich beim Wolf doch um die wild lebenden Vettern ihrer Lieblinge handelt.

Allerdings – ich räume es ein – stelle ich mir auch vor wie es mir ginge, träfe ich beim frühmorgendlichen Füttern meiner Stalltiere oder in meinem Staudengarten beim Fotografieren auf einen Wolf.
So wie jetzt, vis-à-vis, da mich ein älteres Tier direkt und eingehend in Augenschein nimmt.
Bloß halt dann ohne Zaun dazwischen, denke ich.
Wie würde ich reagieren? Hätte ich Angst? Panik?
Würde ich das Tier verscheuchen wollen oder eher mich in Sicherheit bringen wollen?

Im nächsten Gedanken wird aus dem Wolf ein sprungbereiter Leopard und mir klar, dass die Theorie das eine und die Realität etwas ganz anderes sein kann.
Ich habe tatsächlich keine Ahnung, wie es mir mit einem oder gar mehreren Wölfen auf meinem Land gehen würde.
Und ob ich dann auch immer noch schützen oder vielleicht doch eher tot sehen wollte.
Denn eines ist klar: Die größte Gefahr für einen Wolf bin ich und meinesgleichen.
Und sein Lebenswille steht meinem in nichts nach.

In diesem Wildpark leben Hirsche und Rehe, Wölfe, Füchse und Dachse, Marder, Frettchen und Otter, Wildschweine, Eulen und Uhus, ja sogar zwei große, lackschwarz glänzende Kolkraben hinter Gittern und in Volieren. Und mit zunehmendem Alter wächst meine Abneigung gegen diese Art der Zurschaustellung von Tieren.
Und doch ist sie vielleicht ja auch ein notwendiges Übel, sind die Tiere hier ein Bindeglied zwischen der Wildnis, zu der sie eigentlich gehören, und den Kindern und Jugendlichen, der Generation also, die sich morgen und in Zukunft um ihren Schutz und Erhalt bemühen soll und muss?

Mit diesem tröstlichen Gedanken ändert sich meine Perspektive auf die Tiere hinter Draht. Ich sehe große Hirsche, die sich mühelos und elegant durch Wälder bewegen, Otter, die in Flussauen nach Fischen jagen, zwei große, schwarze und wunderschöne Raben, deren markante Rufe weiter übers Feld hallen. Ich sehe Sauen, die den Waldboden mit ihren Rüsseln beackern und ihre Frischlinge mit sich führen. Ich sehe wild lebende Tiere, die auf eine merkwürdige Weise ihre Freiheit der Hirschkuh verdanken, die jetzt gerade so ausgiebig das Salz von meinen Fingern leckt.

Und ein Quäntchen Hoffnung für Isegrim, den Wolf, ja das sehe ich auch.
Was den Indern mit dem Leopard gelingt, das müsste doch auch hier mit dem Wolf zu schaffen sein?

Also mache ich jetzt jedes Mal mächtig Lärm, bevor ich im Dunkeln zu meinen Tieren in die Ställe gehe.
Und hinterm Haus und in der Hocke sah man mich auch sonst nie sitzen.

Fotos: Wildpark in Schleswig-Holstein

Meine Webseite im neuen Gewand

Aus Worten können Bilder entstehen, und aus Bildern Geschichten werden.
Und manchmal tut sich das eine mit dem anderen zusammen und wird zu einem Ganzen.

Gemessen an der Dauer meiner Liebe zum Wort, ist meine Liebe zur Fotografie
unerfahren und rein intuitiv, jedoch nicht minder beseelt.

Herzlich willkommen also bei heikepohl.com im neuen Gewand.

Quer durchs Jahr